Der GKV-Spitzenverband hat am 26. März 2026 ein Positionspapier mit dem Titel „Gesundheitsförderung und Prävention gesamtgesellschaftlich stärken“ veröffentlicht. Das vom Verwaltungsrat beschlossene Papier formuliert zehn Forderungen für erfolgreiche Prävention in Deutschland. Der Anlass ist drängend: Deutschland belegt bei den Gesundheitsausgaben den europäischen Spitzenplatz, doch bei der Lebenserwartung reicht es nur fürs Mittelfeld. Gleichzeitig sind auch junge Menschen verstärkt von chronischen Erkrankungen betroffen, und immer mehr Kinder und Jugendliche – vor allem Mädchen – leiden unter Ängsten, Depressionen und psychosomatischen Beschwerden.
Der vorliegende Beitrag ordnet die zentralen Forderungen des Positionspapiers aus der Perspektive kommunaler Prävention ein und beleuchtet, wo bestehende Ansätze wie Communities That Care (CTC) bereits Berührungspunkte mit den formulierten Zielen aufweisen.
Die zehn Forderungen im Überblick
| Forderung | Kernaussage |
|---|---|
| 1. „Health in All Policies“ auf allen föderalen Ebenen als Standard etablieren | Konsequente Prüfung der gesundheitlichen Auswirkungen von politischen Vorhaben, insbesondere von Gesetzesänderungen |
| 2. Präventionsstrukturen reformieren und finanzieren | Verbindliche Beiträge aller Akteure, insbesondere von Bund, Ländern und Kommunen |
| 3. Bedingungen schaffen, die einen gesundheitsförderlichen Lebensstil erleichtern | Strukturelle und gesetzgeberische Maßnahmen sowie evidenzbasierte „Best Buys“ der WHO zur Reduktion von gefährdendem Tabak- und Alkoholkonsum, ungesunder Ernährung und physischer Inaktivität |
| 4. Präventionsangebote sichtbar, unbürokratisch und leicht zugänglich machen | Aufbau einer digitalen Transparenzplattform aus Bundesmitteln für regional verfügbare Angebote aller Träger |
| 5. Kinder- und Jugendgesundheit priorisieren | Gesundheits- und Lebenskompetenz stärker in Rahmenpläne der Kitas und Lehrpläne der Schulen integrieren, digitale Mediennutzung einheitlich regeln |
| 6. Psychischen Erkrankungen, Einsamkeit und Suizidalität entgegenwirken | Aus Steuermitteln finanzierte Gesundheitskampagnen u. a. zur Entstigmatisierung, kommunale Suchthilfe stärken |
| 7. Mit Impfungen wirksam die Gesundheit schützen | Impfquoten durch adressatengerechte Kommunikation erhöhen, elektronischen Impfpass in die ePA integrieren |
| 8. Früherkennungsuntersuchungen evidenzbasiert weiterentwickeln | Nur Maßnahmen mit klarem Patientennutzen, digitale Unterstützungssysteme |
| 9. Personalisierte Prävention mit individuellen Gesundheitsdaten ermöglichen | Kranken- und Pflegekassen befähigen, Routinedaten für individualisierte Präventionsangebote zu nutzen |
| 10. Prävention von und bei Pflegebedürftigkeit stärken | Förderprogramme zum alternsgerechten und barrierefreien Wohnen ausbauen, nachbarschaftliche Netzwerke fördern |
Einordnung aus kommunaler Präventionsperspektive
Das Positionspapier richtet sich in erster Linie an die Bundespolitik und formuliert Erwartungen an gesetzgeberisches Handeln. Viele der Forderungen – etwa zur Tabak- und Alkoholregulierung, zur Impfpolitik oder zur Reform der Nationalen Präventionskonferenz – betreffen primär die Bundesebene. Gleichzeitig betont das Papier an mehreren Stellen die zentrale Rolle der Kommunen: Sie sind der Ort, an dem Prävention bei den Menschen ankommt.
Dieser kommunale Blickwinkel ist es, der eine Einordnung im Kontext bestehender Präventionsrahmen nahelegt. Denn mehrere der formulierten Forderungen adressieren Herausforderungen, mit denen sich Kommunen bereits heute auseinandersetzen – und für die es erprobte Instrumente gibt.
Präventionsstrukturen vor Ort (Forderung 2)
Das Positionspapier fordert eine Reform der Präventionsstrukturen auf allen Ebenen, einschließlich der kommunalen. Das Positionspapier stellt fest, dass der Wirkradius der Nationalen Präventionskonferenz (NPK) klein bleibt, da ausschließlich die Sozialversicherungsträger zur aktiven Mitwirkung verpflichtet sind. Es bedürfe grundlegender Anpassungen – sowohl bei der NPK selbst als auch bei den Präventionsstrukturen auf Landes- und kommunaler Ebene. Konkret wird unter anderem die flächendeckende Einführung von Gesundheitskonferenzen und gesundheitsfördernden Gesamtkonzepten zur Stärkung der gesamtgesellschaftlichen Zusammenarbeit in Ländern und Kommunen gefordert.
Kommunen, die mit dem CTC-Ansatz arbeiten, verfügen über eine solche Struktur: Der fünfphasige CTC-Prozess etabliert eine ressortübergreifende Arbeitsgruppe, die auf Grundlage lokaler Daten eine gemeinsame Präventionsstrategie entwickelt. Dieser Rahmen entspricht dem, was das Positionspapier als flächendeckende Einführung von Gesundheitskonferenzen und gesundheitsfördernden Gesamtkonzepten beschreibt – ohne freilich alle dort genannten Aspekte abzudecken.
Transparenz und Zugänglichkeit von Angeboten (Forderung 4)
Die Forderung nach einer digitalen Transparenzplattform, die Präventionsangebote aller Träger sichtbar und zugänglich macht, greift ein grundlegendes Problem auf: Viele wirksame Angebote sind schlicht nicht bekannt. Das Positionspapier betont, dass vor allem für Verantwortliche in Lebenswelten wie Kitas und Schulen schnell auffindbar sein muss, welche Unterstützungsangebote auch Akteure wie die Landesregierung, die Kommunalverwaltung oder regionale Sportvereine bereitstellen.
CTC adressiert dieses Problem auf kommunaler Ebene durch die systematische Bestandsaufnahme aller Präventionsangebote. In Phase 3 des CTC-Prozesses wird erfasst, welche Programme vor Ort existieren, welche Risiko- und Schutzfaktoren sie adressieren und ob sie evidenzbasiert arbeiten. Die Grüne Liste Prävention ergänzt dies als bundesweites Verzeichnis wirksamkeitsgeprüfter Programme. Beide Instrumente tragen dazu bei, Transparenz über das Angebotsspektrum herzustellen – auf kommunaler Ebene beziehungsweise für die Auswahl geeigneter Programme.
Kinder- und Jugendgesundheit (Forderung 5)
Die Priorisierung der Kinder- und Jugendgesundheit ist eine der zentralen Forderungen des Positionspapiers. Das Positionspapier verweist darauf, dass immer mehr junge Menschen – vor allem Mädchen – unter Ängsten und Depressionen leiden und von psychosomatischen Beschwerden berichten. Diese Entwicklungen seien auch bedingt durch die im Alltag präsenten Krisen wie Kriege, den Klimawandel und den Einfluss sozialer Medien. Konkret fordert das Papier unter anderem, Gesundheits- und Lebenskompetenz stärker in die Rahmenpläne der Kitas und Lehrpläne der Schulen zu integrieren und Programme zur Suchtprävention stärker von staatlicher Seite zu unterstützen.
Kinder und Jugendliche stehen im Mittelpunkt des CTC-Ansatzes. Die CTC-Schülerbefragung erfasst repräsentativ die Lebenssituation junger Menschen in einer Kommune – von Substanzkonsum über psychische Belastungen bis hin zu sozialer Einbindung. Die Ergebnisse bilden die Grundlage für die datengestützte Auswahl evidenzbasierter Programme, die gezielt auf die vor Ort identifizierten Bedarfe zugeschnitten sind. Damit bietet CTC einen strukturierten Weg, die im Positionspapier geforderte Priorisierung der Kinder- und Jugendgesundheit auf kommunaler Ebene umzusetzen.
Psychische Gesundheit und soziale Einbindung (Forderung 6)
Das Positionspapier widmet sich ausführlich der Prävention psychischer Erkrankungen, Einsamkeit und Suizidalität. Es fordert unter anderem Bundesmittel für eine längerfristige Entstigmatisierungskampagne für Familien mit psychisch kranken oder suchtkranken Eltern, die Stärkung kommunaler Suchthilfe sowie Rahmenbedingungen, die allen Menschen niedrigschwellig ermöglichen, am sozialen Leben teilzuhaben – etwa durch Begegnungsräume im öffentlichen Raum. Im Analyseteil des Papiers wird zudem festgestellt, dass gemeindenahe Initiativen Betroffenen die Chance bieten, deutlich früher Hilfe zu erhalten, diese niedrigschwelligen Angebote aber viel zu häufig unbekannt bleiben.
CTC erfasst systematisch Schutzfaktoren wie soziale Einbindung, Bindung an die Schule und Gelegenheiten zur prosozialen Mitwirkung. Diese Faktoren sind nach dem Modell der sozialen Entwicklung zentral für die psychische Gesundheit junger Menschen. Wenn die CTC-Befragung zeigt, dass es in einer Kommune an sozialer Einbindung mangelt oder Risikofaktoren für psychische Belastungen erhöht sind, können gezielt Programme ausgewählt werden, die genau diese Faktoren adressieren. CTC ersetzt damit nicht die im Positionspapier geforderten bundesweiten Maßnahmen, bietet aber einen kommunalen Rahmen, um psychische Gesundheitsförderung datengestützt und bedarfsgerecht zu gestalten.
Berührungspunkte und Grenzen
Nicht alle Forderungen des Positionspapiers fallen in den Wirkbereich kommunaler Präventionsrahmen. Die geforderten strukturellen Maßnahmen zur Tabak- und Alkoholregulierung (Forderung 3), die Weiterentwicklung der Impfpolitik (Forderung 7) oder die Reform der Früherkennungsuntersuchungen (Forderung 8) erfordern in erster Linie bundespolitisches Handeln. Auch die personalisierte Prävention auf Basis individueller Gesundheitsdaten (Forderung 9) und die Stärkung der Prävention bei Pflegebedürftigkeit (Forderung 10) liegen überwiegend außerhalb dessen, was kommunale Präventionssysteme leisten können.
Gleichzeitig zeigt sich: Dort, wo das Positionspapier die kommunale Ebene anspricht – bei der Forderung nach reformierten Präventionsstrukturen, transparenten Angeboten, der Priorisierung von Kinder- und Jugendgesundheit und dem Umgang mit psychischen Belastungen – bestehen substanzielle Berührungspunkte mit dem CTC-Ansatz. CTC ist dabei kein Allheilmittel, sondern ein erprobtes Instrument, das für einen spezifischen, aber relevanten Bereich der im Positionspapier formulierten Agenda bereits einen strukturierten Rahmen bietet.
Fazit
Das Positionspapier des GKV-Spitzenverbandes setzt ein deutliches Signal: Prävention muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden und entsprechend strukturiert, finanziert und umgesetzt werden. Die zehn Forderungen adressieren ein breites Spektrum – von der Bundespolitik bis zur kommunalen Praxis.
Für Kommunen, die ihre Präventionsarbeit systematisch und evidenzbasiert gestalten wollen, liefert das Papier wichtige Argumente und politische Rückendeckung. Ansätze wie Communities That Care zeigen, dass wesentliche Elemente der geforderten Präventionsinfrastruktur – datengestützte Bedarfsanalyse, ressortübergreifende Zusammenarbeit, Auswahl wirksamer Programme und die Priorisierung junger Menschen – auf kommunaler Ebene bereits heute umsetzbar sind. Die im Positionspapier geforderte gesamtgesellschaftliche Stärkung der Prävention wird letztlich dort wirksam, wo Menschen leben: in den Kommunen.
Literatur
GKV-Spitzenverband. (2026). Gesundheitsförderung und Prävention gesamtgesellschaftlich stärken. Positionspapier. Beschlossen vom Verwaltungsrat am 26. März 2026. Berlin: GKV-Spitzenverband. https://www.gkv-spitzenverband.de
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