Vom Forschungsansatz zur deutschen Präventionspraxis.
Wie aus einem in den 1980er Jahren entwickelten Forschungsansatz von J. David Hawkins und Richard F. Catalano eine Methode wurde, mit der heute 55 deutsche Kommunen ihre Präventionsarbeit planen, steuern und auswerten.
Sieben Stationen, eine Methode.
- 1980er1980er
Die Vision aus der Forschung
University of WashingtonJ. David Hawkins und Richard F. Catalano bündeln jahrzehntelange Präventionsforschung in einem systematischen Ansatz – das Modell der sozialen Entwicklung wird zur theoretischen Grundlage von CTC.
- 1990er1990er
Partizipative Erprobung
Hunderte KommunenCTC wird mit Hunderten Gemeinden praktisch erprobt und kontinuierlich weiterentwickelt – entlang der heutigen fünf Phasen.
- 20032003
Community Youth Development Study
24 KommunenEine randomisierte kontrollierte Studie begleitet 4.400 Jugendliche von der 5. Klasse bis ins Erwachsenenalter – die Wirkung von CTC ist erstmals umfassend belegt.
- 20092009
Ankunft in Deutschland
NiedersachsenIm EU-Projekt SPIN überträgt der Landespräventionsrat Niedersachsen CTC nach Deutschland – strukturell, kulturell und sprachlich an den deutschen Kontext angepasst.
- 20112011
Grüne Liste Prävention
LPR NiedersachsenEin deutsches Evidenzregister für Präventionsprogramme entsteht – heute der zentrale Werkzeugkasten für CTC-Kommunen in Phase 4.
- 20182018
Bundesweite Koordination
DFK + FINDERDie Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention und die FINDER Akademie übernehmen die bundesweite Verbreitung und Qualitätssicherung.
- HeuteHeute
Eine wachsende Bewegung
55 KommunenStädte, Landkreise und Stadtteile in mehreren Bundesländern arbeiten mit CTC – und tauschen Erfahrungen über das CTC-Team aus.
Inhaltsverzeichnis
- 01Die Anfänge: Eine Vision aus der Sozialen Arbeit
- 02Entwicklung und Verbreitung in den USA: Ein partizipativer Prozess
- 03Wissenschaftliche Bestätigung: Die Community Youth Development Study (CYDS)
- 04Ankunft und Anpassung in Deutschland: Vom Modellprojekt zur Bewegung
- 05CTC heute in Deutschland: Verbreitung, Forschung und Ausblick
Die Anfänge: Eine Vision aus der Sozialen Arbeit
Die Wurzeln von Communities That Care (CTC) reichen zurück in die frühen 1980er Jahre an die Universität Washington in Seattle. Die dortige Social Development Research Group (SDRG) – angesiedelt an der School of Social Work, der Fakultät für Soziale Arbeit – begann unter der Leitung von J. David Hawkins und Richard F. Catalano, die Erkenntnisse aus jahrzehntelanger Präventionsforschung zu bündeln. CTC stammt damit aus der Sozialen Arbeit selbst: Seine Urheber beschreiben es ausdrücklich als Modell sozialarbeiterischer Praxis, das in der Tradition der Gemeinwesenarbeit (Community Organizing) steht. Ihr Ziel war es, einen wirksamen Ansatz zur Prävention von Problemverhalten bei Heranwachsenden – insbesondere Substanzmissbrauch, Gewalt und Delinquenz – zu entwickeln, der auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert.
Die zentrale Idee war von Anfang an, nicht nur einzelne Verhaltensweisen zu adressieren, sondern die zugrundeliegenden Risiko- und Schutzfaktoren in den Lebenswelten von Kindern und Jugendlichen (Familie, Schule, Freundeskreis, Kommune) zu identifizieren und gezielt zu beeinflussen. Aufbauend auf dem Modell der sozialen Entwicklung (Social Development Model) erkannten die Forscher: Um nachhaltige, positive Veränderungen im Leben junger Menschen zu bewirken, müssen Kommunen selbst in die Lage versetzt werden – sie müssen das Wissen und die Werkzeuge erhalten –, evidenzbasierte Entscheidungen für ihre Präventionsarbeit zu treffen und diese umzusetzen. Es ging darum, Kommunen zu befähigen („Empowerment“), lokale Bedarfe objektiv zu erkennen und wirksam anzugehen.
Entwicklung und Verbreitung in den USA: Ein partizipativer Prozess
In den späten 1980er und den 1990er Jahren wurde CTC in einem partizipativen Prozess gemeinsam mit hunderten amerikanischen Gemeinden (zeitweise über 470) praktisch erprobt und kontinuierlich weiterentwickelt. Das System wurde an die Bedürfnisse unterschiedlicher Kommunen angepasst. Ein Kernanliegen war es, zwei verbreitete Probleme in der Präventionspraxis zu überwinden: den Einsatz von Maßnahmen ohne ausreichende wissenschaftliche Evidenz und die oft unzureichende Umsetzung (Implementation) von nachweislich effektiven Programmen.
CTC wurde daher darauf ausgerichtet, lokale Koalitionen aus Schlüsselpersonen verschiedener Sektoren (Verwaltung, Schulen, Jugendhilfe, Polizei, Gesundheitswesen, Zivilgesellschaft etc.) aufzubauen und zu schulen. Diese Koalitionen lernen, mithilfe des CTC-Jugendsurveys (einer standardisierten Befragung von Schülerinnen und Schülern) die spezifischen Risiko- und Schutzfaktoren in ihrer Gemeinde zu identifizieren, Prioritäten zu setzen und passgenaue, evidenzbasierte Präventionsprogramme auszuwählen und qualitätsgesichert umzusetzen. Das strukturierte Vorgehen in fünf Phasen (Vorbereiten, Organisieren, Profil erstellen, Planen, Umsetzen & Evaluieren) mit klaren Meilensteinen wurde zum Markenzeichen von CTC.
Die Ergebnisse überzeugten: Gemeinden, die mit CTC arbeiteten, verzeichneten messbar bessere Entwicklungen bei Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu Kontrollgemeinden.
Wissenschaftliche Bestätigung: Die Community Youth Development Study (CYDS)
Der wissenschaftliche Durchbruch und die Bestätigung der Wirksamkeit von CTC kamen mit der Community Youth Development Study (CYDS). Diese 2003 gestartete, randomisierte kontrollierte Studie (RCT) in 24 ländlichen Gemeinden aus sieben US-Bundesstaaten begleitete über 4.400 Jugendliche von der 5. Klasse bis ins junge Erwachsenenalter.
Die Ergebnisse der CYDS waren eindeutig und bestätigten das Wirkmodell von CTC:
- Systemveränderung: CTC-Kommunen übernahmen nachweislich häufiger einen wissenschaftsbasierten Präventionsansatz und verbesserten die intersektorale Zusammenarbeit.
- Reduzierte Risikofaktoren & gestärkte Schutzfaktoren: Gezielte Interventionen führten zu messbaren Verbesserungen bei den priorisierten Faktoren.
- Weniger Problemverhalten: Jugendliche in CTC-Kommunen begannen später mit dem Konsum von Alkohol und Tabak, zeigten signifikant niedrigere Raten bei Substanzkonsum (Alkohol, Tabak, Marihuana, Inhalantien – besonders bei Jungen), Gewalt und Delinquenz.
- Langzeiteffekte: Besonders beeindruckend war, dass diese positiven Effekte bis ins junge Erwachsenenalter (mindestens bis zum Alter von 21 bzw. 23 Jahren) anhielten, also auch Jahre nach der intensivsten Phase der Programminstallation in der frühen Jugend.
- Kosteneffektivität: Ökonomische Analysen zeigten zudem, dass jeder in CTC investierte Dollar einen erheblichen gesellschaftlichen Nutzen (Return on Investment von bis zu 1:12 für primäre und 1:30 für sekundäre Outcomes) generierte, indem spätere Kosten im Gesundheits-, Sozial- und Justizsystem vermieden wurden.
Diese umfassende wissenschaftliche Validierung machte CTC zu einem international anerkannten Modell für effektive kommunale Prävention.
Ankunft und Anpassung in Deutschland: Vom Modellprojekt zur Bewegung
Aufbauend auf den Erfolgen in den USA wurde CTC ab 2008/2009 im Rahmen des EU-Modellprojekts „Social Prevention In Networks“ (SPIN) nach Deutschland übertragen. Federführend war der Landespräventionsrat (LPR) Niedersachsen. Eine zentrale Aufgabe war die Anpassung des Systems an den deutschen Kontext. Dies umfasste:
- Strukturelle Anpassung: Anders als in den USA, wo oft auf ehrenamtliche Strukturen gesetzt wird, baut CTC in Deutschland in der Regel auf bestehende professionelle Netzwerke und Verwaltungsstrukturen in den Kommunen auf und erweitert diese gezielt.
- Kulturelle und sprachliche Adaption: Die Schulungsmaterialien und Instrumente, insbesondere der CTC-Jugendsurvey, wurden übersetzt und kultursensibel angepasst. Die Validität des deutschen Surveys wurde wissenschaftlich überprüft.
- Entwicklung der „Grünen Liste Prävention“: Da ein Äquivalent zum US-amerikanischen Register „Blueprints for Healthy Youth Development“ fehlte, entwickelte der LPR ab 2011 das Online-Register „Grüne Liste Prävention“. Dieses frei zugängliche Register bewertet deutschsprachige Präventionsprogramme nach wissenschaftlichen Kriterien und unterstützt Kommunen bei der Auswahl geeigneter, evidenzbasierter Maßnahmen.
Nach einer erfolgreichen Erprobung in mehreren niedersächsischen Kommunen und einer Machbarkeitsstudie wurde CTC ab 2013 in Niedersachsen etabliert. Was als Modellprojekt begann, entwickelte sich zu einer breiteren Bewegung.
CTC heute in Deutschland: Verbreitung, Forschung und Ausblick
Heute arbeiten über 50 Kommunen (Städte, Landkreise, Stadtteile) in verschiedenen Bundesländern mit dem CTC-Ansatz. Seit 2018 unterstützt die Transferstelle CTC, getragen von der Stiftung Deutsches Forum für Kriminalprävention (DFK) und der FINDER Akademie (bis 2023 durch den Deutschen Präventionstag), die bundesweite Verbreitung und Qualitätssicherung.
Auch in Deutschland wird die Wirksamkeit von CTC wissenschaftlich untersucht. Die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte CTC-EFF-Studie (2021-2023) untersuchte in einem quasiexperimentellen Design mit 21 gematchten Kommunenpaaren (38 Kommunen in der Baseline-Analyse), ob sich die positiven Effekte aus den USA hierzulande replizieren lassen. Erste Ergebnisse deuten darauf hin:
- CTC fördert auch in Deutschland die Übernahme eines wissenschaftsbasierten Ansatzes und die intersektorale Zusammenarbeit in der kommunalen Prävention.
- Eine höhere kommunale Kapazität (Community Capacity) – also das Leistungsvermögen einer Kommune im Bereich Prävention, das durch CTC gestärkt werden soll – steht im Zusammenhang mit geringerem Substanzkonsum bei Jugendlichen.
- Die Studie identifizierte auch Herausforderungen für die Implementation, wie z.B. die Sicherstellung ausreichender Ressourcen (insbesondere für die CTC-Koordination), gute Kommunikation im Team, die Integration neuer Mitglieder und die Notwendigkeit kontinuierlicher Unterstützung und Schulung. Die COVID-19-Pandemie stellte eine zusätzliche Herausforderung dar, die die Implementation in vielen Kommunen verlangsamte.
Basierend auf diesen Erkenntnissen werden Handlungsempfehlungen für die Praxis entwickelt, um die Implementation von CTC weiter zu verbessern. Aktuelle Forschungen bestätigen somit auch für Deutschland das Potenzial von CTC, die Präventionslandschaft nachhaltig zu verändern und die gesunde Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wirksam zu fördern; der Nachweis von Verhaltenseffekten in Deutschland ist Gegenstand laufender Forschung. Für die Praxis gilt zugleich: Die sozialräumliche Steuerung setzt dort an, wo die Belastung am höchsten ist – damit auch die am stärksten belasteten Familien innerhalb eines Quartiers erreicht werden, braucht es ergänzend niedrigschwellige und aufsuchende Angebote. Der Ansatz entwickelt sich weiter, beispielsweise durch die Adaptation für das Setting Schule („Schools That Care“ – STC und Weitblick).
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Theoretische Grundlagen
Risiko- und Schutzfaktoren, das Modell der Sozialen Entwicklung – die wissenschaftliche Basis von CTC im Detail.
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