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Nr. 05 JUL 2024 Fachpraxis

Communities That Care: aus der Sozialen Arbeit – und mit Wirksamkeitsnachweis

Das häufigste Missverständnis über Communities That Care lautet: Der Ansatz sei zu defizitorientiert, ein technokratischer Fremdkörper in der Sozialen Arbeit. Tatsächlich stammt CTC aus der Sozialarbeitsforschung (School of Social Work, University of Washington) und wird von seinen Urhebern ausdrücklich als „Modell sozialarbeiterischer Praxis“ beschrieben. Vor allem aber beantwortet CTC Probleme, die die deutsche Jugendhilfe seit Langem an sich selbst diagnostiziert – die Wirkungslücke, die Versäulung der Hilfen, die datenarme Planung und das Präventionsdilemma. Es macht ihre eigenen Leitideen – Sozialraumorientierung, intersektorale Kooperation, Prävention statt Reaktion – operativ einlösbar und liefert einen wachsenden Wirksamkeitsnachweis.

Autor
Maximilian von Heyden
Publiziert
· 18 Min. Lesezeit
Reihe
CTC Magazin
7 Inhaltsverzeichnis
  1. 01Einleitung: Ein Kind der Sozialen Arbeit
  2. 02Die Leitideen der Sozialen Arbeit
  3. 03Was CTC der deutschen Jugendhilfe hinzufügt
  4. 04CTC im deutschen Kontext
  5. 05Was die Wirkungsforschung zeigt
  6. 06Fazit: Leitideen operativ einlösen
  7. 07Literatur

Einleitung: Ein Kind der Sozialen Arbeit

Das häufigste Missverständnis über „Communities That Care“ (CTC) lautet, der Ansatz sei zu defizitorientiert – zu wenig lebensweltnah, zu technokratisch, ein Import aus der Public Health, der über die Köpfe der Fachkräfte hinweg Fragebögen und Manuale verteilt. Diese Prämisse trügt. CTC entstammt nicht einer fremden Fachkultur, sondern der Sozialen Arbeit selbst: Der Ansatz wurde in der Social Development Research Group der School of Social Work der University of Washington entwickelt (um J. David Hawkins und Richard F. Catalano) und von seinen Urhebern ausdrücklich als „a model of social work practice“ beschrieben – entlang von vier Kernprinzipien der Profession: evidenzinformiert, ökologisch fundiert (Person-in-Environment), stärkenorientiert und gerechtigkeitsfördernd (Haggerty & Shapiro, 2013).

CTC verkörpert damit ein professionelles Ideal der Sozialen Arbeit – und verbindet es mit etwas, das ihr traditionell schwerfällt: einem systematischen Wirksamkeitsnachweis auf Systemebene. Mehr noch: Der Ansatz beantwortet Probleme, die die deutsche Kinder- und Jugendhilfe seit Langem an sich selbst diagnostiziert. Die eigentliche Frage ist deshalb nicht, ob CTC zur Sozialen Arbeit passt, sondern was es ihr hinzufügt.

Die Vorbehalte der sozialpädagogischen Praxis sind gleichwohl ernst zu nehmen: die Sorge um einen Fokus auf Defizite, die Vernachlässigung von Lebenswelt und professioneller Beziehung, die Gefahr einer „Technokratisierung“, bei der pädagogischer Takt hinter Manualtreue zurücktritt. Dieser Einwand hat einen prominenten Kern: das von Luhmann und Schorr (1982) beschriebene „Technologiedefizit“ – die Einsicht, dass personenverändernde Systeme wie Erziehung und Soziale Arbeit strukturell über keine verlässliche kausale „Technologie“ verfügen, weil ihr Gegenüber ein mitwirkendes, selbstbestimmtes Subjekt ist. Dieser Beitrag prüft die Einwände entlang der Leitideen der Sozialen Arbeit, entfaltet den Mehrwert von CTC für die deutsche Jugendhilfe und liest die – gewachsene – Evidenz differenziert.

Die Leitideen der Sozialen Arbeit

Soziale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ist durch Prinzipien geprägt, an denen sich jedes Präventionssystem messen lassen muss:

  • Lebensweltorientierung: Sie zielt darauf, „im Medium des Alltags einen gelingenderen Alltag“ zu ermöglichen, und respektiert die Bewältigungsleistungen der Adressaten in den Dimensionen erfahrener Zeit, erfahrenen Raums und sozialer Beziehungen (Grunwald & Thiersch, 2018, S. 906 ff.). Leitend ist das Näheprinzip: Maßnahmen, die vorhandene lebensweltliche Ressourcen „im Feld“ stützen, haben Vorrang vor solchen, die eigene Arrangements schaffen und die Lebenswelt ersetzen (ebd., S. 911).
  • Ressourcen- und Bewältigungsorientierung: Im Zentrum stehen Stärken und Bewältigungsleistungen, nicht Defizite. Böhnischs Paradigma der Lebensbewältigung fasst das Streben nach Handlungsfähigkeit in kritischen Lebenssituationen, in denen das psychosoziale Gleichgewicht bedroht ist, und bindet es an sozialstrukturelle Bedingungen zurück (Böhnisch, 1997, S. 24) – eine Brücke zur Logik von und .
  • Sozialraumorientierung: Das Fachkonzept setzt an Wille und Interesse der Menschen an, gibt aktivierender Arbeit Vorrang vor Betreuung, orientiert sich an personalen und sozialräumlichen Ressourcen, arbeitet zielgruppen- und bereichsübergreifend und beruht auf Vernetzung und Kooperation der Dienste (Budde, Früchtel & Hinte, 2006, S. 8).
  • Partizipation und Empowerment: Kinder und Jugendliche sind „entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen“ (); fachlich heißt das, Adressaten als Experten ihrer eigenen Lebenslage ernst zu nehmen. Empowerment vollzieht sich dabei auf vier Ebenen – individuell, Gruppe, institutionell, Gemeinde (Herriger, 2014, S. 86); wird es auf die individuelle Ebene verengt, droht eine „Entpolitisierung von Strukturproblemen“ (ebd., S. 80 f.).

Was CTC der deutschen Jugendhilfe hinzufügt

Die deutsche Kinder- und Jugendhilfe benennt ihre Schwächen selbst. Der amtliche Evaluationsbericht zur wirkungsorientierten Jugendhilfe hält fest, systematische Wirkungsforschung sei „in der deutschen Sozialpädagogik und Sozialarbeit … so gut wie gar nicht ausgeprägt“; vieles, was als Wirkungsforschung firmiere, seien „Selbstevaluationen, formative Evaluationen und Befragungen“ (Albus et al., 2010, S. 21 f.). Hinzu kommen die „Versäulung“ der Hilfen, die passgenaue, ressortübergreifende Arrangements erschwert (Früchtel, Cyprian & Budde, 2013, S. 28 f.), eine datenarme Jugendhilfeplanung ohne Pflicht zu integriertem, kleinräumigem Monitoring (Gehne & Schröpler, 2020) und das Präventionsdilemma: Universelle Angebote erreichen die ohnehin wenig gefährdeten Gruppen gut, die am stärksten belasteten Risikogruppen am wenigsten (Bauer, 2005, S. 74). All dies unter einem doppelten Legitimationsdruck aus knappen Kassen und wachsender Wirksamkeitsskepsis (Albus et al., 2010, S. 22).

An genau diesen Baustellen setzt CTC an – und macht die eigenen Leitideen der Sozialen Arbeit von Programmatik zu überprüfbarer Praxis:

  • Verbindliche Kooperation. CTC führt die sonst versäulten Ressorts – Jugendhilfe, Schule, Gesundheit, Polizei, Zivilgesellschaft – an einem Tisch zusammen und gibt ihnen mit den eine gemeinsame Fachsprache. Der erwartbare Effekt wächst mit der Breite: „the greater the number of sectors involved in CTC, the greater the expected community-level change“ (Haggerty & Shapiro, 2013). Aus der Absichtserklärung Kooperation wird eine dauerhaft tagende Arbeitsstruktur, das .
  • Erhobener Bedarf. Wo Planung sich sonst auf Intuition und Angebotslage stützt, erhebt CTC per anonymer Schülerbefragung ein kleinräumiges Profil der tatsächlich erhöhten Risiko- und der geschwächten Schutzfaktoren und priorisiert auf dieser Basis. Der deutsche Survey ist psychometrisch geprüft und valide gegenüber Gewalt, Delinquenz, Substanzkonsum und depressiven Symptomen (Reder et al., 2024). Damit erhält die datenarme Jugendhilfeplanung nach § 80 SGB VIII ein empirisches Lagebild ihres Sozialraums.
  • Geprüfte Programme. Die priorisierten Faktoren werden an wirksamkeitsgeprüfte Programme gekoppelt – in Deutschland über die , ein Register wirksam evaluierter Programme (Brender et al., 2024). Nicht mehr Verfügbarkeit und Gewohnheit entscheiden über die Auswahl, sondern belegte Wirksamkeit – die methodische Antwort auf die selbst benannte Wirkungslücke.
  • Belastungsproportionale Prävention. Weil CTC sozialräumlich ansetzt und dort mehr investiert, wo die Belastung höher ist, folgt es dem, was die Marmot-Kommission „proportionate universalism“ nennt: Angebote bleiben grundsätzlich universell, ihre Intensität aber steigt mit der Benachteiligung des Gebiets (Marmot Review, 2010, S. 9). In Roses Begriffen verschiebt CTC die gesamte Risikoverteilung eines Gemeinwesens, statt nur einzelne Hochrisikofälle herauszugreifen (Rose, 1992, S. 95). Das mildert das Präventionsdilemma zwischen den Quartieren – die deutsche Metaanalyse findet die System- und Adoptionswirkung gerade in benachteiligten und peripheren Gebieten ausgeprägter (von Holt et al., 2025). Aufgehoben ist es damit nicht (dazu unten).
  • Struktur statt Projekt. CTC investiert in den Aufbau kommunaler Kompetenz (Community Capacity), nicht in ein weiteres befristetes Projekt – die Antwort auf die notorische Projektförmigkeit und „fehlende Nachhaltigkeit von Projekten“ (Wohlgemuth, 2009, S. 113). Erste deutsche Befunde zeigen: Kommunen mit höherer Kapazität arbeiten nicht nur häufiger evidenzbasiert – bei ihren Jugendlichen fällt auch der Konsum von Alkohol, Tabak und Drogen geringer aus, also genau das, was Prävention verhindern soll (nachgewiesen als Zusammenhang, noch nicht als kausale Wirkung; Birgel et al., 2024).
  • Legitimation durch Kosten-Nutzen. CTC ist eine der wenigen Präventionsstrategien mit belastbarer Wirtschaftlichkeitsbilanz: In der US-Langzeitstudie stand am Ende ein Ertrag von rund 12,90 Dollar je investiertem Dollar (Kuklinski et al., 2021) – ein Argument, das kommunale Prävention aus der Rechtfertigungsdefensive holt.

Dass CTC dabei kein reines Risiko-Management ist, liegt an seiner Theorie: Das geht davon aus, dass Gelegenheiten zu prosozialem Engagement, Kompetenzen und Anerkennung die Bindung an prosoziale Bezugspersonen und Institutionen stärken – und diese Bindung antisozialem Verhalten entgegenwirkt (Catalano & Hawkins, 1996). CTC erhebt und stärkt also gezielt (Walter et al., 2023) und steht damit der nahe – der Förderung von Kompetenz, Bindung, Selbstwirksamkeit und prosozialen Normen (Catalano et al., 2004) – sowie dem salutogenen Blick auf die Bedingungen von Gesundheit (im Sinne der ; vgl. Raithel, 2011, S. 139). Und die Sorge vor Technokratisierung? Entscheidend ist die Unterscheidung von Was (welches Programm) und Wie (die pädagogische Umsetzung) – vorausgesetzt, man versteht Evidenz richtig: Sie liefert der Fachkraft keine „direct rules or guidelines“, sondern „plausible hypotheses for intelligent problem solving“ (Otto, Polutta & Ziegler, 2009). Genau diese Frage – welches Wissen die Soziale Arbeit braucht und wie weit ein Wirksamkeitsanspruch reicht – prägt die deutsche Fachdebatte seit Langem (Otto, Polutta & Ziegler, 2010); sie mahnt zugleich, Wirkung nicht auf ein lineares Effektverständnis zu verengen, das der Komplexität sozialpädagogischer Angebote nicht gerecht wird (Oelerich & Otto, 2011, S. 11). Evidenz informiert das professionelle Urteil, sie ersetzt es nicht – das meint reflexive Professionalität.

CTC im deutschen Kontext

In Deutschland lässt sich das konkret verorten. CTC wurde ab 2009 an drei niedersächsischen Standorten erprobt – in der Göttinger Weststadt, in Hannover-Mühlenberg und im Landkreis Emsland (Schubert et al., 2013); inzwischen arbeiten über 50 Kommunen in fünf Bundesländern mit dem Ansatz (Walter et al., 2023). Disziplinär gehört CTC in die Tradition der – jener aktivierenden, beteiligungs- und ressourcenorientierten, bereichsübergreifenden Linie der Sozialen Arbeit (Stövesand, Stoik & Troxler, 2013), die im angloamerikanischen Raum als Community Organizing firmiert und die Haggerty und Shapiro (2013) ausdrücklich als Heimat des Ansatzes benennen. Fachlich knüpft er unmittelbar an: Bereits verankert einen präventiven, fördernden Auftrag, und die datengestützte Schwerpunktsetzung entspricht dem Auftrag zur Jugendhilfeplanung nach § 80 SGB VIII. Das wurde in der Modellphase als förderlich bewertet; die beteiligten Fachkräfte nahmen die CTC-Programmlogik überwiegend an (Schubert et al., 2013). Entschieden wird in einer Lenkungsgruppe und einem operativen , in dem die wichtigsten örtlichen Einrichtungen vertreten sein sollen (Walter et al., 2023).

Beteiligung ist dabei kein Nebenaspekt, sondern das Betriebsprinzip: CTC durchläuft fünf Phasen und baut eine breite Handlungskoalition aus Schlüsselpersonen, Fachkräften, Anwohnern, Eltern und Jugendlichen auf, die Prioritäten, Programmauswahl und Umsetzung in kommunale Hand legt und die Gemeinde zur Eigentümerin ihres Handlungsplans macht (Hawkins & Catalano, 1992; Haggerty & Shapiro, 2013). Die Perspektive der jungen Menschen ist dabei sogar der Ausgangspunkt der Steuerung: Ihre anonymen Selbstauskünfte im Schülersurvey – einer Vollerhebung im Sozialraum – bestimmen die Diagnose und damit die Maßnahmenauswahl. Zu kalibrieren bleibt allein die Tiefe der direkten Mitentscheidung: Wer der Koalition angehört, wird lokal festgelegt (Haggerty & Shapiro, 2013), sodass der Grad formaler Jugendbeteiligung je nach Standort unterschiedlich ausfällt – eine Frage der Ausgestaltung vor Ort, nicht des Modells. Von der kommunalen Präventionskette, die auf eine biografisch lückenlose Angebotskette „von der Schwangerschaft bis zum Berufseinstieg“ zielt (Richter-Kornweitz & Utermark, 2013), unterscheidet sich CTC durch seine epidemiologisch priorisierende Logik: Nicht die Vollständigkeit der Kette steht am Anfang, sondern das erhobene Belastungsprofil und die daran gekoppelte Programmauswahl.

So verstanden ist CTC kein Konkurrenzkonzept zur Sozialraumorientierung, sondern ihr Betriebssystem: Es macht deren anerkannte, aber selten umgesetzte Prinzipien – Ressourcenblick, bereichsübergreifende Vernetzung, aktivierende statt betreuende Arbeit – prozessförmig und überprüfbar einlösbar. Eine Spannung bleibt allerdings im Kern: Die Sozialraumorientierung setzt am artikulierten Willen der Menschen an, nicht an einem von außen definierten Bedarf (Hinte & Treeß, 2014); CTC beginnt umgekehrt mit einem epidemiologisch gemessenen Risikoprofil. Die datengestützte Priorisierung mit der Willensorientierung der Betroffenen zu versöhnen, löst der Ansatz nicht von selbst – er stellt es der örtlichen Praxis als Aufgabe. Der wunde Punkt ist ohnehin weniger die fachliche Passung als die Verstetigung. erlaubt den Krankenkassen seit dem Präventionsgesetz 2015, „den Aufbau und die Stärkung gesundheitsförderlicher Strukturen“ in Lebenswelten zu fördern – in der Praxis bleibt das eine nachrangige, auf kommunale Kofinanzierung angewiesene Option. Die lokale Koordination von mindestens einer halben Stelle muss vor Ort dauerhaft gesichert werden, sonst bleibt der Ansatz personenabhängig (Schubert et al., 2013).

Was die Wirkungsforschung zeigt

Die Evidenz ist in den letzten Jahren breiter und robuster geworden. Grundlage ist die , eine community-randomisierte kontrollierte Studie in 24 US-Kommunen mit 4.407 Jugendlichen. Aus ihr stammen die belastbarsten Befunde: CTC senkte in den USA das kumulative Risiko, im Jugendalter eine Handfeuerwaffe zu tragen, um rund ein Viertel (OR 0,76; 95%-KI 0,70–0,84; Rowhani-Rahbar et al., 2023) – ein im US-Kontext zentraler, auf deutsche Verhältnisse nicht unmittelbar übertragbarer Gewaltindikator. Und noch mit 23 Jahren – zwölf Jahre nach Programmbeginn – zeigten in CTC-Kommunen aufgewachsene junge Erwachsene höhere Raten anhaltender Abstinenz von Alkohol und Drogen; die Kosten-Nutzen-Analyse ergab – gestützt auf einzelne signifikante Ergebnisse trotz insgesamt eher kleiner Verhaltenseffekte – einen Nettonutzen von rund 7.150 US-Dollar pro Person (Kuklinski et al., 2021). Auch außerhalb der Studienbedingungen, in der flächenhaften Regelpraxis über 388 Schulbezirke und knapp 471.000 Schülerbefragungen in Pennsylvania, wiesen CTC-Bezirke geringere Werte bei Substanzkonsum, Delinquenz und Depression auf (klein bis moderat; Chilenski et al., 2019). Ein australischer Kosten-Nutzen-Befund (rund 2,6 AUD je Dollar; Abimanyi-Ochom et al., 2024) und ein aktueller Gewaltbefund aus benachteiligten Denver-Quartieren (Kingston et al., 2026) stützen das Bild – letzterer differenziert: Der Rückgang der Jugend-Gewaltverhaftungen zeigte sich nur in einer von zwei Kommunen, ein Hinweis, dass Umsetzungskontext und -qualität über den Erfolg entscheiden.

Ebenso wichtig ist, was die Evidenz nicht hergibt. Die Langzeiteffekte der US-Studie betreffen vor allem den verhinderten Einstieg in riskantes Verhalten, nicht das aktuelle Verhalten mit 21 Jahren; der globale Test über alle primären Endpunkte war knapp nicht signifikant, und die Effekte konzentrierten sich auf junge Männer (Oesterle et al., 2018). Günstige Schutzfaktor-Effekte aus Klasse 8 (Kim, Gloppen et al., 2015) waren bis Klasse 10 nicht mehr durchgängig nachweisbar (Kim, Oesterle et al., 2015). Hinzu kommt ein Näheeffekt der Forschung selbst: Ein erheblicher Teil der belastbarsten Befunde stammt aus der Arbeitsgruppe, die den Ansatz entwickelt hat; unabhängige Replikationen in Pennsylvania, Australien und Denver weisen zwar in dieselbe Richtung, doch bleibt die Nähe von Programm und Evaluation bei der Gewichtung mitzudenken. Für Deutschland stehen belastbare Verhaltens-Wirkungsnachweise ohnehin noch aus: Die bisherige Forschung sichert Studiendesign (Röding et al., 2022), Instrument (Reder et al., 2024) und System-/Adoptionswirkungen – die Metaanalyse der deutschen CTC-EFF-Standorte findet einen positiven Effekt auf die Adoption evidenzbasierter Prävention (g = 0,57; von Holt et al., 2025), noch nicht auf das Jugendverhalten.

Auch die belastungsproportionale Steuerung hat eine Grenze: Sie dosiert auf der Ebene des Gebiets und verringert das Gefälle zwischen Quartieren; innerhalb des belasteten Quartiers aber bleiben die am stärksten belasteten Familien am schwersten erreichbar, weil die Selbstselektion in Angebote derselben sozialen Gradiente folgt – ohne niedrigschwellige, aufsuchende Arbeit verlagert CTC das Präventionsdilemma eher, als es aufzulösen (vgl. Marmot Review, 2010, S. 9). Schließlich bleibt die grundsätzliche Kritik am Risikofaktoren-Paradigma ernst zu nehmen – dass ein risiko- und programmzentrierter Blick strukturelle Ursachen individualisieren und Jugendliche etikettieren kann (Haines & Case, 2008); sie ist mit dem Doppelfokus aus Risiko- und Schutzfaktoren nicht erledigt, sondern bleibt Gegenstand fachlicher Reflexion.

Fazit: Leitideen operativ einlösen

CTC ist kein Fremdkörper, den die Soziale Arbeit sich aufzwingen lässt, sondern ein Ansatz aus ihren eigenen Reihen, der ihre Prinzipien mit einem seltenen Gut verbindet: einer systematischen, sozialräumlich-datenbasierten und wirkungsorientierten Steuerung. Er nimmt Schwächen ernst, die die deutsche Jugendhilfe seit Langem an sich selbst benennt – die Wirkungslücke, die Versäulung der Hilfen, die datenarme Planung, das Präventionsdilemma – und übersetzt die eigenen Leitideen der Profession von der Programmatik in überprüfbare Praxis.

Zu verantworten ist das nicht mechanisch „evidenzbasiert“, sondern evidenzinformiert: Evidenz stützt das professionelle Urteil, ohne es zu ersetzen. Ob CTC dabei „sozial gerechter“ wirkt, entscheidet sich nicht an der Messbarkeit von Effekten, sondern daran, ob es die Verwirklichungschancen junger Menschen erweitert – am Maßstab des Capability-Ansatzes (Otto & Ziegler, 2010). Der deutsche Wirk- und Verstetigungsnachweis steht noch aus; die belegte Stärke von CTC liegt bis dahin darin, die richtigen Dinge methodisch verlässlich einzulösen, die die Profession bislang meist nur postuliert hat.

Literatur

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Ein Präventionsvorrang im SGB VIII? Was die AGJ-Expertise für die kommunale Prävention bedeutet

Die rechtswissenschaftliche Expertise der AGJ (2025) von Erik Hahn vermisst Gesundheitsförderung und Prävention als Aufgabe der Kinder- und Jugendhilfe. Dieser Beitrag fragt, inwiefern ihre Thesen für die kommunale Ebene sprechen – und welche Folgen ihre Reformvorschläge in der Praxis hätten, allen voran ein Präventionsvorrang im SGB VIII analog zu § 3 SGB IX.

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Maximilian von Heyden

Gesundheitsförderung und Prävention gesamtgesellschaftlich stärken

Der GKV-Spitzenverband hat am 26. März 2026 ein Positionspapier mit zehn Forderungen für erfolgreiche Prävention beschlossen. Dieser Beitrag ordnet die Forderungen aus kommunaler Perspektive ein und beleuchtet Berührungspunkte mit bestehenden Präventionsansätzen wie Communities That Care.

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